Ärmelkanal 2016

05.10.2016

Ich habe es dieses Jahr geschafft, mir meinen Lebenstraum zu erfüllen!

Wenn mich jemand vor ungefähr sechs Wochen gefragt hätte, ob ich es dieses Jahr schaffe, hätte ich wahrscheinlich mit „nein" geantwortet. Denn ich war wieder von einer starken Erkältung erwischt worden und jeder der Leistungssport betreibt weiß, dass es nicht zu unterschätzen ist, mit einer Erkältung diese Belastung zu verarbeiten, welche einen im täglichen Training erwartet.

Ich war zu dieser Zeit nicht gut drauf. Ich hatte wieder das komplette Jahr durchtrainiert. Und wieder stand mein Ziel aufgrund der mangelnden Gesundheit in den Sternen. Ich hatte mir geschworen, es nie wieder zu versuchen, wenn ich nicht zu hundert Prozent fit bin. Denn ich wusste - dank meines Versuchs im vorherigen Jahr - wie es ist, bis weit über seine Grenzen hinaus zu gehen und ich wollte nie wieder in diese Lage kommen. Ich war damals nicht mehr selbst in der Lage über mich zu entscheiden und mein Vater entschied sich dazu mich aus dem Wasser zu holen. Ich konnte selbst nicht mehr alleine auf das Boot zurück und musste von meinem damaligen Piloten und der Crew aus dem Wasser geholt werden. Dies passierte ungefähr fünf Kilometer vor der französischen Küste, zu diesem Zeitpunkt war ich elf stunden und fünfunddreizig Minuten im Wasser gewesen. Die dreistündige Rückfahrt waren die schlimmsten drei Stunden in meinem Leben. Ich bekam kaum noch Luft und wusste nicht was in mir vorging. Als wir im Hafen ankamen fuhr mein Vater und mein Trainer direkt mit mir ins Krankenhaus und man stellte fest das meine Lungenfunktion bei nur noch knapp über fünfunddreißig Prozent lag und ich Wasser in der Lunge hatte. Ich merkte erst da,wie ernst die Situation wirklich war. Ich blieb über insgesamt zwei Nächte dort bevor ich mich mit einer Sauerstoff Maske auf den Heimweg machen konnte. Dieser Tag wird mir für immer in Erinnerung bleiben. Kurz danach ließ ich mir eine kleine Welle auf mein linkes Handgelenk tätowieren ,sie erinnert mich seit dem an dieses Erlebnis und mein Leben lang an diesen Tag und an meinen Vater .

Dennoch wollte ich es einfach schaffen und ich war mir seit diesem Tag sicherer als jemals zu vor, dass ich es schaffen kann. Ich trainierte alle Dinge, die damals dazu führten, dass es so weit gekommen ist. Ich trainierte unter absoluter Erschöpfung zu trinken ohne die Flasche unter Wasser zu ziehen, probierte unterschiedliche Getränke um eins zu finden, welches ich nicht direkt wieder von mir gab. Ich trainierte in niedriger Wassertemperatur Wasser zu lassen. Ich probierte viel aus, um die Abgase von dem Boot nicht einzuatmen. Ich lernte eine komplett andere Atemtechnik, um kein Salzwasser zu schlucken. Ich trainierte in kälterem Wasser und machte unzählige sechs-Stunden-Schwimmen. Außerdem ging ich in der Nacht im Hafen von Dover schwimmen, um mich an die Dunkelheit zu gewöhnen. All diese Dinge und noch viel mehr versuchte ich in einem Jahr zu optimieren.

Mein Slot für dieses Jahr war erst Mitte September, da ich mich dazu entschied mit einem anderen Piloten zu fahren als ursprünglich geplant. Weltweit gibt es immer mehr Schwimmer, die sich diesen Traum erfüllen möchten. Die Erfolgsquote liegt jedoch nur bei zwanzig Prozent von weltweit so vielen Schwimmern, die es dann letzten Endes auch schaffen.

Ich war so weit, alles war vorbereitet! Ich fühlte mich vor der Erkältung so gut wie nie. Die Trainingserfolge und meine Zeiten zeigten dies auch deutlich. Nun stand ich vor der Entscheidung zu schwimmen oder nochmal ein komplettes Jahr zu warten. Slots können nur jährlich und nicht für einige Wochen nach hinten geschoben werden, so hoch ist der Andrang. Ausserdem muss man einige Faktoren beachten wie die Wassertemperatur, die Strömung und die Tide.

Es heißt: wenn man ein schneller Schwimmer ist und zwischen 10-15 Stunden schwimmt ist die Spring Tide die bessere Wahl, da sie einem helfen kann schneller von der Küste weg zu kommen. Wenn man allerdings zu langsam ist, ist die Gegenströmumg so stark, dass man auf der französischen Seite wieder zurück in den Ärmelkanal gedrückt wird. Langsamere Schwimmer starten bei Nide Tide, da ist der Wasserstand insgesamt niedriger. Mein Pilot Eddie Spelling berechnete meine Schwimmzeiten und glich diese mit der wechselnden Strömung ab. Da sich die Flut alle sechs Stunden mit der Ebbe abwechselt, muss man einen bestimmten Punkt im Kanal erreicht haben, bevor sich die Gezeiten wieder ändern.

Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, ich sprach unzählige Male mit meiner Ärztin, meinem Trainer und meinem Vater. Ich wusste, dass ich es schaffen konnte.

Es waren noch knapp drei Wochen bis es hätte los gehen können. Ich entschied mich, eine Woche Pause zu machen und danach weiter zu trainieren, um dann zu sehen, wie ich mich fühlte. Die ersten Tage nach der Pause fühlten sich alles andere als gut an. Ich trainierte und konnte jedoch meine Zeiten nicht mehr erreichen, die ich gerne erreichen wollte. Ich machte weitere Bluttests, um zu sehen wie die Krankheit verlief.

Fünf Tage vor meinem eigentlichen Start fühlte ich mich langsam wieder gut und mein Energiehaushalt nahm von tag zu Tag endlich wieder zu. Meine Entscheidung traf ich drei Tage vorher: ich wollte es versuchen und besprach alles mit meiner Crew. Sobald sie merken, dass ich innerhalb der ersten 6 Stunden langsamer werde, sollten sie das Schwimmen abbrechen.

Dann hatte ich zusätzliches Glück: das Wetter im Kanal war so schlecht, dass sich mein Slot noch mal um fünf Tage verschob und ich somit noch fünf weitere Tage Zeit hatte, zu regenerieren und Energie aufzubauen. Ich trainierte weiter und schwamm dieselbe Kilometerzahl, die ich auch sonst schwamm. Normalerweise sollte man so kurz vor einem solchen Schwimmen weniger Kilometer schwimmen und sich mehr ausruhen.

Nun war es endlich so weit und ich startete mit meinem Team nach Dover. Wir flogen genau einen Tag vorher dorthin. Ich wollte nicht so lange vor Ort warten. Eddie gab mir das "GO" für den 21. September 2016, Startzeit war um 02:00 Uhr morgens. Ich versuchte um 15:00 Uhr das letzte Mal richtig zu essen. Wie immer gab es Nudeln! Um 16:00 Uhr legte ich mich schlafen, denn um 23:00 Uhr musste ich wieder aufstehen. Es fiel mir nicht leicht direkt einzuschlafen, ich war viel zu aufgeregt und es gingen mir unzählige Sachen durch den Kopf. Ich schaute das letzte Mal gegen 19:00 Uhr auf die Uhr und schlief dann doch noch für ein paar Stunden. Natürlich war ich doch wieder vor dem Wecker wach und machte mich fertig. Ich aß einige Scheiben trockenes Toast Brot, damit ich etwas Energie im Speicher hatte und damit die Getränke mir nicht direkt auf den Magen schlugen.

Wir packten unsere Sachen ins Auto und fuhren zum Hafen, wo bereits die Bootscrew wartete. Jedes Schwimmen wird von einem offiziellen Observer überwacht. Ich stellte mich ihm kurz vor und klärte einige Fragen mit ihm. Er erklärte mir die Regeln noch einmal wie zum Beispiel, dass ich das Boot nie berühren durfte oder das man nur eine Badekappe tragen darf. Danach setzte ich mich draußen auf einen Platz auf dem Boot mit Adam. Adam begleitet mich seit diesem Jahr bei Schwimmen dieser Art. Er ist selbst einer der sechs Menschen weltweit, die es bis jetzt geschafft haben, die "Seven Oceans" zu durchschwimmen. Er sagte mir noch einige Dinge, die mir extrem beim Schwimmen geholfen haben. Danach hörte ich noch kurz meine Musik und ging im Kopf das bevorstehende Schwimmen durch.

Ich war bereit und fühlte mich gut. Ich beobachtete den Sternenhimmel und den Mond. Es war ein wunderschöner Moment und ich genoß es einfach. Ich machte mich fertig. Mein Trainer trug die Vaseline auf. Diese verhindert, dass der Badeanzug scheuert (das tut er aber trotzdem nach ca. drei Stunden). Mein Vater sagte mir noch einige Worte, an die ich mich während des Schwimmens oft erinnerte und dann ging es los!

Es gab keine Leiter auf dem Boot, also musste ich von der Reling ins Wasser springen. Ich sprang ins Wasser und schwamm vom Boot zu dem kleinen Strand. Von dort sollte es los gehen. Nun stand ich da...mitten in der Nacht, alleine am Strand und der Ärmelkanal lag vor mir...! Es war ein wunderbarer Moment als das Startsignal ertönte. Ich lief ins Wasser und begann zu schwimmen.

Ich schwamm weit vorne am Boot, um keine Abgase einzuatmen. Mein Vater hatte drei kleine rote Lampen angebracht, die das Wasser ausleuchteten, damit ich mich orientieren konnte. Die erste Stunde verging wie im Flug und ich bekam mein erstes Getränk, es lief super und ich fühlte mich wohl. Es war wunderschön durch die Nacht zu schwimmen. Nach zwei Stunden zog das erste Containerschiff an uns vorbei. Es war beleuchtet und ich wusste, dass ich bald in der ersten Schiffspassage angekommen war. Ich hatte ein gutes Tempo die Nacht über und nach knappen fünf Stunden in der kompletten Dunkelheit tat es gut, dass langsam die Sonne auf ging und sich die Außentemperatur von dreizehn Grad langsam etwas erhöhte.

Der Sonnenaufgang war der Schönste, den ich bisher in meinem Leben gesehen hatte. Ich fühlte mich super und genoß es, in den Tag zu schwimmen. Kurz nachdem die Sonne aufgegangen war kam Adam für eine Stunde ins Wasser, um mich zu begleiten. Im Ärmelkanal ist es erlaubt, alle drei Stunden einen Support-Schwimmer für eine Stunde zu haben. Adam schwamm also eine Stunde neben mir, es war in meiner sechsten Stunde. Ich konnte mich gut orientieren und die Verpflegung lief sehr gut. Ich sagte mir jedes Mal, dass ich die Flasche über Wasser halten musste, um kein Salzwasser zu schlucken. Ich verfalle nach einiger Zeit in eine Art Trance und meditiere auch während ich schwimme, um mich mental fit zu halten dabei.

Die mentale Stärke ist ein enormer Faktor bei solchen extremen Distanzen. Am Meisten hilft es mir meinen Vater zu sehen, der mich die komplette Zeit auf dem Boot beobachtet und mich auf unterschiedlichste Art und Weise motiviert.

Ich kam in die Separation Zone, die Zone zwischen den beiden Schiffspassagen. Dort erwischten mich einige Quallen, aber die brennen zum Glück nur und sind nicht giftig im Ärmelkanal. Nach ungefähr acht Stunden hatte ich leichte Schmerzen in den Schultern und es kamen etwas mehr Wellen, die das Vorankommen erschwerten.
Ich musste mehr Kraft aufwenden, um weiterhin mit demselben Tempo voranzukommen.

Die gesamte Zeit dachte ich daran, in Frankreich an Land zu gehen und stellte mir vor wie es sich anfühlte es geschafft zu haben. Es ist schwer zu beschreiben, welche Phasen man während einem solchen Schwimmen durchmacht. Es sind Gefühle, die man nur kennt, wenn man selbst einmal so weit an seine Grenzen gegangen ist.

Bei der nächsten Getränkeaufnahme musste ich einfach fragen wie es lief, denn ich hatte außer die halbstündigen Getränkeaufnahmen keinerlei Anhaltspunkte, wie lange ich schon unterwegs war. Adam sagte mir, ich bin super unterwegs und erzählte mir, dass mir viele Menschen auf Facebook Glück wünschten. Es freute mich zu hören, dass viele an mich dachten und es half mir, weiter zu machen.

Zwei weitere Stunden vergingen und mein Vater sagte mir, dass wir in einer halben Stunde da sein. Dies war leider nicht der Fall, da die Strömung vor der Küste extrem stark wurde. Ich wusste, dass es sich in den nächsten Minuten entscheidet, ob ich am Cap landen würde oder es verpassen würde und somit weitere drei bis vier Kilometer nach Wissant schwimmen musste. Also fing ich an, meine letzten Kräfte in einen Sprint zu setzten. Es viel mir schwer das Tempo nach über zehn Stunden nochmal zu steigern. Adam sagte mir, als ich in die Nähe des Bootes schwamm, dass ich es gleich geschafft habe. Ich dachte nur noch an das Ziel und wollte endlich da sein.

Die Erhöhung des Tempo war enorm schwer, aber nur so konnte ich das Cap noch erreichen. Die letzte halbe Stunde war angebrochen, Adam kam wieder ins Wasser um mich bis zum Ziel zu begleiten. Da das große Schiff nicht bis zum Ziel fahren konnte, wurde ein kleineres Schnellboot angelassen und einer von der Crew fuhr zu mir und begleitete mich zum Ziel. Als das kleine Boot runtergelassen wurde mir bewusst, dass ich es schaffen würde. Mir liefen ein paar Tränen in die Schwimmbrille vor Erschöpfung und vor Freude, es war ein Moment in meinem Leben, von dem ich schon immer geträumt habe.

Ich sah endlich Felsen unter mir und Adam half mir eine Stelle zu finden, an der ich aus dem Wasser gehen konnte. Es ist gefährlich nach so langer Zeit in der Waagerechten aufzustehen. Da man wegen einer Kreislaufschwäche leicht umkippen konnte half er mir. Es war ein unglaubliches Gefühl als ich endlich auf den Fels kletterte.

Ich hatte es geschafft! Ich konnte es kaum glauben. Ich war überglücklich!

Als ich auf das große Schiff zurück kam, setzte ich mich draußen hin und zog mich warm an, da ich leicht unterkühlt war. Auf der dreistündigen Rückfahrt schaute ich einfach auf das Meer und sah Delfinen zu, die fröhlich neben unser Schiff her schwammen, es war ein Wahnsinnsgefühl. Es machte mich unglaublich stolz und glücklich, dass ich es geschafft hatte.

All das harte Training hatte sich ausgezahlt und hat mir gezeigt, dass man immer an seine Träume glauben sollte. Auch wenn es nicht beim ersten Versuch klappt.

Nachdem es ein Schwimmer oder eine Staffel geschafft hat, gibt es in Dover einen Pub, wo jeder seinen Namen und seine geschwommene Zeit an die Wand schreiben darf. Es machte mich stolz meinen Namen dorthin schreiben zu können und ich war unglaublich froh, dass ich außerdem noch den Deutschen Frauenrekord geschwommen bin.

Ich möchte mich hier nochmal bei allen bedanken, die an mich geglaubt haben und mir liebe Nachrichten geschickt haben. Es hat mich unglaublich gefreut und ich bin sehr dankbar, dass mich so viele Menschen dabei unterstützt haben.

Danke für all die vielen Glückwünsche, die mich erreicht haben! Mein besonderer Dank gilt Adam: ohne Dich hätte ich es wahrscheinlich niemals so gut schaffen können. Du hast mir die mentale Kraft gegeben, die ich in diesen Stunden brauchte. Danke für all die guten Tipps, die Du mir immer wieder gibst. Auch meinem Trainier Joshua möchte ich besonderes danken, da ich nie soweit hätte kommen können, wenn man im täglichen Training nicht ordentlich und richtig trainiert wird. Meiner Physiotherapeutin gilt auch ein großer Dank. Aber am Meisten habe ich es meiner Familie zu verdanken, dass es mir überhaupt möglich ist, meinen Traum zu verwirklichen. Sie unterstützt mich in allen Punkten und zweifelt nie an meinen Entscheidungen und unterstützt mich seit Beginn an.

Besonders mein Vater hat den größten Teil dazu beigetragen, dass ich es schaffen konnte. Er ist mein größter Motivator!

Vielen Dank an alle. Ihr seit unglaublich und es freut mich sehr eine so große Wertschätzung zu erhalten.
Es war ein wunderschönes sportliche Jahr für mich mit vielen Erfolgen und ich freue mich schon jetzt auf neue Herausforderungen, die auf mich warten.

Just keep swimming!!
Next stop Catalina Channel Los Angels :)